Denkmäler für Minsk und Belarus

Neulich hat mich mein Kollege Vjacheslav Bondarenko mal wieder in eine seiner TV-Sendungen bei ONT „Offenes Format“ eingeladen. Es ging um Denkmäler. Mit gutem Willen kann man meine Kompetenz zu diesem Thema aus meinen kulturellen Interessen ableiten, mehr aber auch nicht. Und richtig: Vjacheslav bat mich ganz offen, an der Sendung teilzunehmen, um den belarussischen Gesprächspartnern zu demonstrieren, was eigentlich eine Talk-Show sei. Niemand begreife, dass es um einen schnellen und offensiven Meinungsaustausch handle, und nicht um eine gesittete Selbstdarstellung mit vorher abgesprochenen Texten. Auch dafür fühle ich mich eigentlich nicht kompetent, und schon gar nicht auf russisch, aber bitte, man hilft ja gerne. Kurz vorher wurde mir dann doch sehr mulmig, aber die erstaunlich vielen Rückmeldungen von Bekannten und Kollegen lassen vermuten, dass ich meine Aufgabe gemeistert habe. Apropos: Man wundert sich, wer diese Sendung alles guckt, angefangen von unserer Dezhurnaja über einige Nachbarn zu Hause bis hin zu meinen Kollegen aus der Uni.

Es sollte also um Denkmäler gehen – ganz allgemein: Für wen oder was werden sie aufgestellt? Wer hat die Initiative? Wer entscheidet darüber? Und wer bezahlt dafür? Letztlich ging es aber um den immer währenden belarussischen Diskurs: Woran wollen wir eigentlich erinnern? Hierzu gab es durchaus unterschiedliche Auffassungen bei meinen Gesprächspartnern, dem stellvertretenden Kulturminister, einem Bildhauer und dem Vertreter der russisch-freundlichen Organisation „Westbelarus“. Dieses Thema wiederum liegt mir viel näher und so habe ich mich so gut es eben ging engagiert und für eine offene und kontroverse Diskussion geworben.

Mir persönlich hat der Standpunkt von Michail Volodin gut gefallen, der seine kritischen Anmerkungen zum Denkmalswesen in Belarus im Studio vorgetragen hat mit der Kernthese, dass es so lange problematisch bleibt, wie allein der Staat darüber entscheidet. Ein sympathischer Standpunkt, der die ursprünglich gplanten Fragen zur Diskussion in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Planungen für Malyj Trostenec

Foto: http://www.my-minsk.ru/novosti-respubliki/7579-trostenec-kakim-budet-memorial-i-kak-belorusam-ne.html

Gleich im Anschluss an die Konferenz zu Chatyn fand am 23.3.2013 eine weitere „wissenschaftlich-praktische Konferenz“ in der IBB Minsk statt. Veranstaltet wurde sie von der IBB selbst sowie der Geschichtswerkstatt aus Anlass ihres 10-jährigen Bestehens. Thema waren die aktuellen Planungen für einen Gedenkort in Trostenec.

Kurz zur Erinnerung: Es handelt sich um das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Die Angaben zu den Opfern schwanken in deutschen und belarussischen Publikationen zwischen 50.000 und 206.500. Insgesamt geht es um drei historische Orte: Schaschkowa, wo ein Gedenkstein an die Verbrennung zahlreicher Opfer erinnert. Ein Friedhof in einiger Entfernung am Standort des ehemaligen Gutes Trostenec erinnert an die Mordaktionen kurz vor der Befreiung im Juli 1944. Schließlich der Wald von Blagowschtschina, in dem bis zu 150.000 Juden aus Belarus, Österreich und Deutschland ermordet wurden. Offiziell dient ein Obelisk als Erinnerungsort, dessen Standort aber mit dem historischen Geschehen nicht in Zusammenhang steht und auch keinen Aufschluss über die Ereignisse gibt.

Auf der Konferenz stellte erstmals die zuständige Architektin, Anna Aksenova, ihre im Auftrag der Stadt Minsk erarbeiteten Entwürfe vor. Ihre Gestaltungsideen beziehen sich auf zwei der insgesamt drei historischen Orte (ausgenommen ist die Blagowtschina) auf ca. 65 ha. Die von ihr vorgestellten Pläne lassen eine konservative Anlage mit ausgewiesenen Wegen vermuten, die sich nicht erkennbar auf diesen Ort bezieht oder ihn gar problematisiert. Positiv anzumerken ist, dass, sollte der Entwurf tatsächlich realisiert werden, die Stadt Minsk sich erstmals überhaupt mit diesem für das historische Gedenken so wichtigen Ort beschäftigt. Pessimistisch stimmt die bisher bereit gestellte Summe vom a. 100.000 €, die die kosten bei weitem nicht decken kann. Gerüchte besagen, dass die schon seit langem und immer wieder diskutierten Überlegungen zu Trostenec gerade jetzt wieder auf die Tagesordnung kommen, weil ursprünglich ein Besuch des israelischen Staatspräsidenten angesagt gewesen war. Kurzerhand hatte man die Blagowtschina mit einem Erdwall zugeschüttet, um den Ort unbegehbar zu machen. Nachdem der Staatsbesuch dann gar nicht stattgefunden hatte, wurde beschlossen, die Planungen nun voranzutreiben. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, allein diese Gerüchteküche zeigt aber, wie schwer sich das Land noch immer mit dem Gedenken an überwiegend jüdische Opfer tut.

Es ist daher auch ein positives Signal, dass die Stadt Minsk offenbar einem Vorschlag von deutscher Seite zugestimmt hat, die Planung der Stadt durch einen zusätzlichen Entwurf des Architekten Leonid Lewin, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden in Belarus, ergänzen zu lassen. Dahinter steht eine Initiative der IBB Dortmund, zusammen mit der österreichischen Bürgerinitiative der Aktivistin Waltraud Barton, speziell der jüdischen Opfer, die in der Blagowtschina ums Leben gekommen sind, zu gedenken. Über die Realisierung dieser Idee gibt es durchaus Differenzen zwischen der deutschen und österreichischen Seite. Immerhin konnte der österreichische Bundespräsident für ein Engagement seines Landes in Trostenec gewonnen werden, der deutsche Bundespräsident wurde um Unterstützung des Vorhabens gebeten.

Der Entwurf von Lewin ist sehr viel konkreter und unmittelbarer auf den ort bezogen als der der Stadt Minsk, er bleibt dem Stil dieses Architekten mit einer Verbildlichung der zu erinnernden Ereignisse treu und arbeitet mit stilisierten Waggons, umgestürzten jüdischen Symbolen und einer Gruppe von Koffern, die die Reise in den Tod symbolisieren sollen. Ob es zur Realisierung des Entwurfs kommen wird, hängt von vielen Faktoren ab, darunter der bisher völlig offenen Finanzierung und der Frage, ob es nicht doch einen internationalen Wettbewerb geben muss.

Sollten beide Entwürfe tatsächlich umgesetzt werden, so wäre zwar dieser historische Ort als sichtbarer Erinnerungsort markiert, würde aber die nach wie vor geteilte Erinnerung an „friedliche sowjetische Bürger“ und Juden offenbaren. Darüber hinaus ist bisher weder an ein Leitsystem in dem sehr weitläufigen  Gelände gedacht noch an Informationstafeln, die darüber aufklären würden, an was hier erinnert wird. Schließlich bleibt anzumerken, dass die Ereignisse in der Blagowtschina vor 1941, also die Nutzung des Ortes als Erschießungsstätte des NKWD, in den bisherigen Überlegungen überhaupt nicht vorkommt. Dies ist freilich ein sehr schwieriges Thema, insbesondere, wenne s von deutscher Seite angesprochen wird. Aus wissenschaftlicher Perspektive bzw. im Sinne der historischen Aufarbeitung darf darüber aber nicht hinweggegangen werden.

Fotos zu den einzelnen Gedenkorten finden sich hier.

10 Jahre Geschichtswerkstatt

Foto: www.gwminsk.com

Der 22. März ist außer dem Gedenktag an die Vernichtung des Dorfes Chatyn auch der Gründungstag der Geschichtswerkstatt in Minsk. In diesem Jahr feiert die Geschichtswerkstatt ihr 10-jähriges Bestehen, das sie mit einem bunten Abend in der IBB Minsk beging. In über 3 Stunden Programm kamen, so möchte man meinen, alle zu Wort, die jemals mit der Geschichtswerkstatt zu tun hatten und haben: Zeitzeugen, Historiker, Studenten, Vertreter der Stadt Minsk, die freiwilligen Helfer in den Sozialprogrammen, Gäste aus dem Ausland (darunter die Vertreterin einer österreichischen Bürgerinitiative zum Gedenken an die Opfer von Maly Trostenec, ein ehemaliger deutscher Botschafter in Minsk und ich), die Vereins- und Vorstandsmitglieder der IBB Dortmund usw. Die Anwesenheit von über 200 Personen zeigte deutlich, welchen Platz die Geschichtswerkstatt in Minsk einnimmt und wie hoch ihre Arbeit geschätzt wird. Dies gilt vielleicht nicht immer für die offizielle Seite hier in Minsk, aber auch an diesem Abend haben mir wieder einmal viele der Zeitzeugen, Überlebenden und ihre Kinder versichert, welchen zentralen Platz die Geschichtswerkstatt in ihrem Leben einnimmt. Und wenn es auch im Hinblick auf die wissenschaftliche und Ausstellungstätigkeit der Geschichtswerkstatt sicher noch Entwicklungsmöglichkeiten gibt, so scheint mir das doch das allerwichtigste zu sein. Es ist gut, dass es diesen Ort gibt.

 

70 Jahre Chatyn

Foto: www.moov.by

In diesem Jahr jährte sich die Katastrophe von Chatyn zum 70. Mal. Aus diesem Anlass veranstalteten die Gedenkstätte und die Gesellschaftliche Vereinigung „Verständigung“ zusammen eine Konferenz. Als Mitglied des „Orgkomitees“, wir würden sagen Beirat, hatte ich die Gelegenheit, mal wieder hinter die Kulissen belarussischer Organisation zu schauen. Das Ergebnis war wunderbar, eine, wie ich finde, professionelle zweitätige Konferenz (20.-21.3.) in der IBB Minsk mit lebhaften Diskussionen. Der Titel der Konferenz lautete „Chatyn 1943-2013. Ereignis. Menschen. Erinnerung“ (bei heftigen Diskussionen, was denn unter den einzelnen Rubriken zu verstehen sei); mit meinem Vorschlag „Mythen und Fakten“ bin ich kläglich gescheitert und wurde belehrt, dass es keine Mythen geben kann, da man ja die Dokumente kenne und ein solcher Titel außerdem aus politischen Gründen undenkbar sei. Ergänzt wurde das Programm durch ein Konzert in der Minsker Philharmonie am 21.3. abends und einer Gedenkfeier in Chatyn am 22. März.

Der Weg dorthin war allerdings nicht ganz einfach, als Ausländer wird man die Einzelheiten wohl nie verstehen. Was uns kompliziert und umständlich erscheint, ist für die belarussischen Kollegen offenbar der Weg des geringsten Widerstandes und eben normal. Um nur einige Beispiele zu nennen: Es wird ein großes Orgkomitee gegründet, an dem aber immer nur dieselben drei Leute teilnehmen, an denen natürlich auch die Arbeit hängen bleibt. Es ist trotz hartnäckiger Versuche nicht möglich herauszufinden, wie hoch oder niedrig genau das von der Gebietsverwaltung zugesagte Budget ist. Das Programm wird erst am letzten Tag gedruckt und an die Konferenzteilnehmer verteilt. Hochrangige Gäste sollen unbedingt eingeladen werden, werden aber nicht informiert, …..

Mein Beitrag bestand letztlich darin, die belarussischen Kollegen von einem waghalsigen Abenteuer zu überzeugen, die Konferenz in vier thematische Sektionen (alle nacheinander in einem Raum!) einzuteilen, aus den Vortragsangeboten die besten auszuwählen, diese thematisch zu gruppieren und letztlich alle Vortragenden einer Sektion auf dem Podium zu versammeln, das ganze zu moderieren und auf die Einhaltung der Zeiten zu achten. Eigentlich ganz normal. Das Experiment hat aber gut funktioniert, alle waren angetan und freuten sich wieder mal über die „deutsche Ordnung“. So verwirrend kann die gegenseitige Wahrnehmung sein.

Zum Abschluss der Konferenz wurde eine Resolution auf Russisch und Englisch verabschiedet. Das Thema der verbrannten Dörfer ist weiterhin aktuell, die Stiftung Mir betreibt verschiedene Projekte, darunter auch mit der russischen Organisation „Historische Erinnerung“ und dem deutschen Verein Kontakte, die die noch 9.5000 Überlebenden der verbrannten Dörfer betreuen. Die seit einiger Zeit in Arbeit befindliche Datenbank aller verbrannten Dörfer unter Einbeziehung von Archidokumenten und Erinnerungen haben die beiden Initiatoren, Natalja Kirillova und Vjacheslav Selemenev, kürzlich ins Netz gestellt.

Museen in Minsk

Eine gute Übersicht mit Angaben zu Sammlungen, Themen, Öffnungszeiten und Erreichbarkeit Minsker Museen findet sich hier.

Belarus im frühen 20. Jh. in Fotos

Foto: http://irina-litva.livejournal.com/812447.html

Im Rahmen von Recherchen für ein Berliner Museum stieß ich jüngst auf eine außergewöhnliche Fotosammlung, die mir den Schlüssel zu einer Ausstellung im Historischen Museum 2011 gab. Schon damals hatte ich staunend vor den Fotos gestanden und mich gefragt, wie sie erhalten geblieben sind und wie es dem Fotografen ergangen ist. Es handelt sich um die Foto-Sammlung von Pavel Volyncevič und vereint 400 Aufnahmen aus der Zeit von 1900 bis 1962.

Gefunden, bearbeitet und recherchiert haben den Fund Vladimir Sutjagin (Fotograf), Dmitrij Serebjannikov (Sammler) und Igor Surmačevskij (Künstler und Restaurator). Neben der Ausstellung im Nationalen Historischen Museum wurden die Bilder mehrfach in Belarus gezeigt, derzeit ist die Ausstellung in Vilnius zu sehen. Unter diesem Link sind einige Fotos aus der Sammlung zu sehen.

Pavel Volyncevič lebte und arbeitete im Nordwesten des heutigen Belarus. Die Orte, in denen er und seine Familie lebten, befanden sich zeitweise unter russischer, polnischer, deutscher und sowjetischer Herrschaft. Das Foto zeigt seinen Hof in den 20er Jahren an der sowjetisch-polnischen Grenze.

Zeit seines Lebens hat er sich, seine Familie und Umgebung fotografiert. Es handelt sich um eine einzigartige Sammlung zur Alltagsgeschichte in Belarus in der ersten Hälfte des 20. Jh. Insgesamt liegen 180 Glasplattenfotos sowie weitere Fotografien aus Fotoalben vor.

Die Fotografien wurden durch Zufall von Dmitrij Serebjannikov und Igor Surmačevskij entdeckt und professionell von Vladimir Sutjagin bearbeitet. Zusammen haben sie mit Hilfe von Archiven, eigenen Recherchen und Nachforschungen die Lebensgeschichte der Familie rekonstruiert. Heute lebt in Minsk noch die Enkelin von Volyncevič, die wesentliche biographische Details ergänzen konnte.

2001 drehte ein russischer Sender einen Dokumentarfilm über die Fotos, Volyncevič  und die drei Kuratoren des Projekts. Auch sind einige Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen erschienen.

Grodno: Stadt der Museen

Die Boris und Gleb-Kirche in Grodno

Schon zum zweiten Mal war ich neulich in Grodno und auch dieses Mal wieder ganz begeistert von dem Flair dieser wohl westlichsten Stadt von Belarus. Das mag an der Architektur liegen, von der sich mehr als in anderen Städten des Landes vieles seit dem 18. Jh. erhalten hat. Aus dieser Perspektive ist es wohl ein Glück, dass den nationalsozialistischen Besatzer die Stadt ebenfalls gefallen hat und sie sie in das Reichsgebiet aufgenommen haben. Wie sehr die Stadt und ihre Bürger trotzdem unter der Besatzung gelitten haben, bezeugen die Gedenktafeln an das Ghetto der Stadt. In denkbar schlechtem Zustand ist die Runie der ehemals großen Synagoge. Gerade wird sie hergerichtet, was daraus werden soll, ist allerdings nicht bekannt.

Heute ist die Stadt reich an Museen, es lag also nahe, hier im letzten Oktober das erste Museumsforum zu veranstalten. Im alten und neuen Schloss logiert das Archäologisch-historische Museum, in dessen reichen Sammlungen ich die Gelegenheit hatte, für einen Auftrag zu recherchieren. Unweit vom Schloss befindet sich das einzige Feuerwehr-Museum in Belarus. Vom Turm des auch heute noch in Dienst stehenden Gebäudes ertönt jeden Tag um 12.00 Uhr ein Trompetensignal (live gespielt!). Schräg gegenüber befindet sich das Museum der Geschichte der Religion (früher das übliche Atheismusmuseum), und ebenfalls unweit davon trifft man auf das zauberhafte Apothekenmuseum, das sich auch in einem alten Apothekengebäude befindet. Darüber informiert eine eigene Website.

Darüber hinaus gibt es noch ein Handwerkermuseum, ein Maksim-Bogdanovich-Museum, ein Bykov-Museum, ein Polizeimuseum, ein Anatomiemuseum, ein ethnographisches Museum…, aber das habe ich nicht mehr geschafft. Infos dazu hier.

Statt dessen habe ich mir eine der ältesten, orthodoxen Kirchen aus vormongolischer Zeit überhaupt, die Boris und Gleb-Kirche aus dem 12. Jh. angeschaut. In der Gesamtschau mit den vielen Jesuitenbauten in der Stadt, zeigt sich wieder einmal die kulturelle und religiöse Vielfalt von Belarus, die hier im Westen so deutlich zu spüren ist, wie kaum in einer anderen Stadt oder Gegend.